Prof. Dr. Stefan Kirchner

Digitalisierung der Arbeitswelt

Prof. Dr. Stefan Kirchner ist zum 1. April aus Hamburg an das Einstein Center Digital Future (ECDF) nach Berlin gekommen. Er besetzt die vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales geförderte Professur „Sociology of Working Worlds‘ Digitalization“ (Digitalisierung der Arbeitswelt) an der Technischen Universität Berlin.

Der geborene Berliner studierte in Dresden und England Soziologie bevor er an der Universität Hamburg promovierte und auch habilitierte. „Dort habe ich mich unter anderem mit internationalen Vergleichen von Arbeitsqualität auseinandergesetzt und die Veränderung dieser Arbeitsqualität über die Zeit analysiert. Dabei ging es um Themen wie Stress, Arbeitsbelastung oder auch Autonomie am Arbeitsplatz“, so Stefan Kirchner. Der historische Vergleich ihm sehr wichtig: „Was verändert sich und was sind die Treiber dieser Veränderungen? Das Thema Digitalisierung ist erst später dazugekommen. Heute erscheint es zwingend, dass Digitalisierung einen massiven Einfluss auch auf die Arbeitsqualität hat, das war anfangs aber noch nicht so klar.“ Ein Teil der Forschung von Stefan Kirchner beschäftigt sich damit, soziologische Modelle und Grundlagen für diese Digitalisierungs-Forschung zu generieren.

Die allumfassende Digitalisierung führt zu einem Paradigmenwechsel in der Arbeitswelt. Der 38-jährige beforscht unter anderem wie Marktplattformen die Arbeitswelt verändern und setzt diese Veränderungen in einen internationalen Kontext. „Wie viele Menschen sind überhaupt von dieser neuen Arbeitsorganisation betroffen und wie erleben sie das? In welchen Strukturen befinden sich diese Arbeiter und wie wirkt sich das aus?“, so der Arbeitssoziologe. Konkret untersucht er große Plattformen wie Airbnb, Deliveroo oder Uber. Hinter diesen sogenannten Marktplätzen stehen große Unternehmen, die diese Marktplätze auch regulieren. Sie wählen Anbieter aus oder schließen sie auch aus. Sie stellen entsprechende Regeln auf und überwachen deren Einhaltung.

Aber im Unterschied zu herkömmlichen Unternehmen treten die digitalen Plattformen nicht als eigentlicher Arbeitgeber in Erscheinung, sondern sie bieten lediglich eine Infrastruktur an, die es Dritten ermöglicht, in Konkurrenz mit bestehenden Märkten zum Beispiel dem Arbeitsmarkt, dem Taximarkt oder den Lieferdiensten zu treten. Daraus ergeben sich nicht nur neue Definitionen für Arbeit – das Privatauto zur Verfügung zu stellen oder etwas auf Deliveroo zu liefern ist auch Arbeit. Diese findet aber außerhalb des formal organisierten Arbeitsbereichs mit Mindestlohn, Arbeitszeitregelungen, etc. statt.  Sondern auch Fragen wie zum Beispiel: Nach welchen Regeln wird Arbeit auf digitalen  Marktplätzen verteilt? „Digitale Plattformen boomen, daher bekommen sie schnell eine große Marktmacht – mit erheblichen Auswirkungen auf Beschäftigungssysteme, Marktordnungen oder auch Regulierungsmöglichkeiten des Staates“, so der geborene Berliner. Auch bei diesen Fragestellungen interessiert ihn der internationale Vergleich: Wo sind bestimmte Plattformen verboten und warum? Welchen Richtlinien müssen diese Marktplätze sich anpassen. Zusätzlich untersucht er, wo die Grenzen dieser neuen Arbeitsform liegen. „Zum Beispiel kann man wahrscheinlich aus der theoretischen Betrachtung ableiten, dass alle sicherheitsrelevanten Wirtschaftszweige oder solche mit komplexen Arbeitsprozessen sich auf absehbare Zeit nicht für diese Form der Arbeitsorganisation eignen“, so Stefan Kirchner. (kj)