Mehr als ein technisches Merkmal: Die Bedeutung von „Touch“ in der Forschung zu musikalischen Schnittstellen
22.07.2026
Berührung ist ein Schlüsselbegriff sowohl in musikalischen Darbietungen als auch in der interaktiven Musikpraxis. Der Begriff umfasst sowohl physische Interaktionen als auch metaphorische Bedeutungsebenen. Im New Interfaces for Musical Expression (NIME)-Archiv bleibt Berührung als Konzept jedoch weitgehend unthematisiert, obgleich sie für die computervermittelte Musikpraxis von zentraler Bedeutung ist. Zwar wird Berührung in vielen Arbeiten erwähnt, doch ist der Begriff mit vielfältigen, oft unhinterfragten Bedeutungen behaftet. Genau dieser Problematik widmet sich die neue Studie „What NIME talks about when it talks about touch“ aus der Forschungsgruppe der ECDF-Professorin Berit Greinke (Universität der Künste Berlin). Die Studie analysiert die Bedeutung von Berührung in der NIME-Forschung. Der Beitrag von Postdoktorandin Dr. Astrid Bin erschien als begutachteter Konferenzbeitrag in den Proceedings der International Conference on NIME 2026.
Ausgangspunkt der Studie ist die Beobachtung, dass Berührung eine zentrale Rolle in der musikalischen Interaktion spielt, seine Bedeutung in der Forschung zu digitalen Musikinstrumenten bislang jedoch nur selten explizit reflektiert wird. Um diese Forschungslücke zu untersuchen, analysierten die Autor*innen sämtliche NIME-Publikationen der Jahre 2001 bis 2025. Aus insgesamt 119 relevanten Publikationen identifizierten sie 526 Textstellen, die anschließend drei übergeordneten Themenfeldern zugeordnet wurden: Angewandte Technologie und Gestaltung, Historischer Kontext sowie Ausführliche Diskussion. Während die ersten beiden Bereiche vor allem technische Entwicklungen und historische Bezüge beschreiben, verweist das dritte Themenfeld auf ein wachsendes Interesse an theoretischen Perspektiven aus der Human-Computer-Interaction, der Musikpädagogik und der Philosophie, die Berührung als verkörperte, relationale und bedeutungstragende Form musikalischer Interaktion verstehen.
Die Ergebnisse zeigen, dass Berührung im NIME-Diskurs überwiegend als technisches oder funktionales Merkmal digitaler Bedienoberflächen verstanden wird. Der Großteil der untersuchten Textstellen bezieht sich auf Touchscreens, Sensorik, Gestenerkennung oder die Gestaltung berührungssensitiver Eingabegeräte. Demgegenüber finden körperlich-leibliche, expressive, soziale und relationale Dimensionen von Berührung bislang vergleichsweise wenig Beachtung. Die Autor*innen plädieren daher dafür, den Begriff „Touch“ künftig über seine Funktion als Eingabemodalität digitaler Musikinstrumente hinaus zu denken und ihn stärker als ästhetisches, verkörpertes und soziales Phänomen zu konzeptualisieren. Ein differenzierteres Verständnis von Berührung könnte dazu beitragen, die Forschung zu digitalen Musikinstrumenten um Aspekte wie Materialität, Körperlichkeit, Ausdruck und zwischenmenschliche Interaktion zu erweitern und damit neue Impulse für das Design musikalischer Interfaces zu geben.
Zur Veröffentlichung (Open Access): //hier.