Herdenverhalten auf Online-Plattformen: Geschlechterunterschiede am Beispiel Crowdinvesting
27.10.2026
Eine kürzlich in Venture Capital: An International Journal of Entrepreneurial Finance veröffentlichte Studie von ECDF-Vorstandsmitglied Timm Teubner und seiner ehemaligen ECDF-Doktorandin Dr. Florence Jaouat untersucht, ob es für den weiteren Verlauf einer Crowdinvesting-Kampagne eine Rolle spielt, ob zuvor eine Frau oder ein Mann investiert hat. Die Studie mit dem Titel „Funding (doesn‘t) follow females? An empirical study on the role of gender and role congruity in equity crowdfunding “ zeigt, dass das Geschlecht der zuerst investierenden Person eine Rolle spielen kann. Dabei gehen sichtbare Profilmerkmale wie Expert*innen-Badges und Profilbilder bei Frauen und Männern mit unterschiedlichen Reaktionen der Crowd einher.
Beim Crowdinvesting finanzieren viele Privatpersonen über Online-Plattformen gemeinsam Start-ups und Wachstumsunternehmen. Dabei investieren sie meist kleinere Beträge. Häufig ist öffentlich sichtbar, wer bereits in eine Kampagne investiert hat. Dadurch können sich weitere Investor*innen an den Entscheidungen anderer orientieren. Bisherige Forschung zu Geschlechtsunterschieden im Crowdinvesting hat sich vor allem mit dem Geschlecht der Unternehmensgründer*innen beschäftigt, die Kapital suchen. Die vorliegende Studie richtet den Blick dagegen auf die Investor*innen selbst. Die Autor*innen untersuchten rund 70.000 Investitionen in mehr als 100 Kampagnen auf einer europäischen Crowdinvesting-Plattform aus den Jahren 2012 bis 2019. Zu jeder Investition war der Benutzername der investierenden Person sichtbar, anhand dessen sich das Geschlecht ableiten ließ. Bei einigen Nutzer*innen waren außerdem ein Profilfoto und bei besonders aktiven Nutzer*innen zusätzlich ein Badge zu sehen. Die Studie untersuchte, wie viel zusätzliches Kapital nach einer Investition durch weitere Investor*innen in eine Kampagne floss und welches Geschlecht die nachfolgenden Investor*innen hatten.
Auf Investitionen von Frauen folgte im Durchschnitt weniger Kapital als auf Investitionen von Männern. Zugleich schlossen sich etwas häufiger weitere Investorinnen an. Besonders deutlich zeigt sich der Unterschied beim Expert*innen-Badge: Bei Männern ging ein solches Badge mit mehr Folgekapital einher, bei Frauen mit weniger. Zeigten Investorinnen dagegen ein Profilfoto, verschwand der Nachteil. Eine mögliche Erklärung liefert die Rollenkongruenztheorie: Menschen werden positiver bewertet, wenn sie geschlechterstereotypen Erwartungen entsprechen, etwa Frauen als vertrauenswürdig und Männer als kompetente Finanzexperten. Ein Expert*innen-Badge passt demnach eher zum stereotypen Bild von Männern, ein Profilfoto kann dagegen bei Frauen Vertrauen ausstrahlen. Die Unterschiede sind gering, treten aber durchgängig auf. Da die Studie auf Beobachtungsdaten beruht, zeigt sie Zusammenhänge, erlaubt jedoch keine kausalen Schlüsse.
Die Ergebnisse der Studie sind auch über das Crowdinvesting hinaus relevant. Denn digitale Plattformen bestimmen durch ihre Gestaltung, welche Informationen über ihre Nutzer*innen sichtbar sind. Diese Sichtbarkeit kann Vertrauen schaffen und dazu beitragen, dass Menschen aus den Entscheidungen anderer lernen. Sie kann aber auch dazu führen, dass Nutzer*innen aufgrund von Geschlechterstereotypen beurteilt werden. Plattformbetreiber sollten deshalb Gestaltungselemente wie Badges, Profilbilder und Standardeinstellungen in Nutzerprofilen kritisch prüfen. Entscheidend ist dabei die Frage, ob diese Elemente bei unterschiedlichen Nutzer*innengruppen die gleiche Wirkung haben.
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