B_B_Blockchain

Projekt erforscht die Möglichkeiten und Grenzen digitaler Partizipationsprozesse

Blockchains gehören zu den derzeit stark diskutierten Zukuftsthemen. Bekannt sind sie vor allem als Voraussetzung für Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ethereum. Doch das ist lange nicht alles, was die Blockchain Technologie vermag. Welche Funktionen sie zum Beispiel im Rahmen von digitalen
Partizipationsprozessen in der Stadtentwicklung erfüllen könnte, das erforschen Jochen Rabe, Professor für Urban Resilience and Digitalization, URD, an der Technischen Universität Berlin und am Einstein Center Digital Future (ECDF) und Florian Tschorsch, Professor für Distributed Security Infrastructures, (DSI),
an der Technischen Universität Berlin und am ECDF in ihrem gemeinsamen Projekt B_B_Blockchain. Das im Juli 2018 gestartete zweijährige Projekt des ECDFs wird durch die sechs landeseigenen Berliner Wohnungsbaugesellschaften degewo, Gewobag, GESOBAU, HOWOGE, Stadt und Land und WBM gefördert.

Stärkere Einbindung der Bürger*innen

„Die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften nehmen bereits eine Vorbildfunktion für umfassende Bürgerbeteiligung ein. Von dem B_B_Blockchain-Projekt erhoffen wir uns dafür neue Impulse. Wir streben nicht nur eine stärkere Einbindung der Bürgerinnen und Bürger an der
Entwicklung ihrer Stadt an, sondern auch einen transparenteren und effektiven Planungsprozess“, so Jörg Franzen, Vorstandsvorsitzender der GESOBAU AG und Sprecher der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften. Der Partizipation von Bürger*innen wird bei der Stadtentwicklung ein zunehmend hoher Stellenwert zugemessen. Nicht zuletzt deshalb haben die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften kürzlich eigene Partizipationsleitlinien entwickelt.

Unveränderlichkeit der gespeicherten Daten

Aber: „Partizipative Stadtentwicklung hat eigentlich immer zwei Schwachstellen“, weiß Prof. Jochen Rabe. „Zum einen erreichen die traditionellen Formen der Mitbestimmung immer nur einen kleinen Prozentsatz der wirklich Betroffenen und eigenen sich damit nur bedingt, um ein repräsentatives Meinungsbild zu
geben. Zum anderen sind solche Prozesse eigentlich immer vom Misstrauen zwischen den unterschiedlichen Interessensgruppen geprägt. Da wird nicht selten vermutet, dass Absprachen einseitig getroffen, im Nachhinein geändert oder nicht eingehalten wurden.“
Genau hier könnte die Blockchain Technologie Abhilfe schaffen, indem sie die Rolle einer unbestechlichen und vor allem unbeeinflussbaren „Vermittlerin“ einnimmt. „Eine zentrale Eigenschaft der Blockchain ist die Unveränderlichkeit der gespeicherten Daten“, erläutert Prof. Dr. Florian
Tschorsch die Technologie. „Das hinter der Blockchain liegende Netzwerk speichert Daten, auf die man sich vorher gemeinsam geeinigt hat, dezentral und in einer Form, die jegliche nachträgliche Manipulation, Fälschung und Zensur nahezu unmöglich macht. Gleichzeitig ermöglicht die
Blockchain, dass diese Daten – zum Beispiel Planungsprozesse – jederzeit und von jedermann abgerufen werden können und Änderungen sofort kenntlich werden.“

Die Idee der beiden Wissenschaftler ist es, für ein noch zu wählendes konkretes Pilotprojekt einer der sechs Wohnungsbaugesellschaften, eine digitale Schnittstelle auf Basis der Blockchain Technologie zu entwickeln, die vollkommen transparent und stets aktuell ist. Ziel dieser allen Interessensgruppen
zugänglichen Plattform ist es zu testen, ob und mit welchen Kommunikationskanälen die Blockchain Technologie einen Beitrag leisten kann, um mehr Vertrauen und Inklusion sowie als Folge auch eine breitere Beteiligung an Planungsprozessen zu erreichen. „Zum anderen stehen natürlich auch die
Grenzen der Blockchain auf dem Prüfstand“, beschreibt Jochen Rabe: „Da in solchen Planungsprozessen alle Akteurinnen und Akteure über sensible Informationen und vor allem auch Daten verfügen, ist es genauso wichtig, die Grenzen einer erhöhten Transparenz auszuloten.“

In einem weiteren Schritt wollen die Forscher auch sogenannte Smart Contracts für bestimmte Mitentscheidungsprozesse testen. Smart Contracts sind Computerprogramme, die die automatische Abwicklung von Transaktionen einleiten, sobald alle Parteien die zuvor gemeinschaftlich bestimmten
Bedingungen erfüllt haben. „So könnten zum Beispiel Abstimmungen digital und vor allem auch transparent gestaltet und jeweils bestimmten Zielgruppen eröffnet werden“, beschreibt Florian Tschorsch die Möglichkeiten dieser Funktionalität in Beteiligungsprozessen.

Forschung an der Schnittstelle von Disziplinen

Während Prof. Dr. Florian Tschorsch aus dem Bereich der Informatik kommt, ist Prof. Jochen Rabe in der Architektur beheimatet. „Genau diese Forschung an der Schnittstelle von wissenschaftlichen Disziplinen ist der wichtigste Aspekt des ECDFs und wird immer weiter ausgebaut“, sagt Prof. Dr.  Odej Kao, Sprecher des ECDF-Vorstandes.